ANNA Lauritzen

Themen

 

 

 

 

 2018  interessierte mich zusätzlich das Thema EPIGENETIK, nachdem ich das Buch "Der zweite Code" von Peter Storck gelesen hatte. Spannend war es zu erfahren, dass sich unsere Gene durch Erfahrungen und Verhalten verändern(lassen)!! Wir haben also die Möglichkeit unsere DNA durch unser Verhalten zu beeinflussen...es ist NICHT alles ererbt!
Letztendlich sind Entdeckungen immer irgendwann NEU - aber dann auch irgendwann wieder überholt!!
Es bleibt spannend!!

 

                   

              

 "EPIGENETISCHE VORGÄNGE I"   ( Holzschnitt als Relief)                     "CHROMOSOM" (noch unvollendet...)

                           

 

   "EPIGENETISCHE VORGÄNGE II"      (Holzschnitt als Relief)

 

 

 

 

 

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2017  arbeitete ich wieder mit meinem "Zellenthema"!
             Die Verschmelzung und Teilung der Zellen und die Bewegungen dabei...davon habe ich mich weiterhin inspirieren lassen und es entstanden verschiedene Arbeiten!

 

             

  "Auf jeden Fall organisch!"       Holzrelief                                      O.T.              Sandstein                  

 

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       O.T.                          Lindenholz                                           "Verschmelzung oder Teilung..."      Esche

 

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 Das Jahr 2016 war für mich geprägt von Abschiednehmen und Trauer!

 

Ich habe dadurch kein Thema direkt verfolgen, geschweige denn ein neues entwickeln können.
Es entstanden in diesem Jahr Arbeiten, deren Entstehung ohne Planung, sehr spontan und von Gefühlen geleitet waren.

 

 

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"No 13"                 Radierung

 

 

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 o.T                     Elbsandstein                                    o.T.                    Elbsandstein

 

 

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 o.T.                                    Elbsandstein

 

 

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Thema 2015  MURMURATION

 

Murmuration ist die englische Bezeichnung für die besonderen Formationen, die Stare beim gemeinsamen Flug bilden.
Beim Jahreswechsel 2014/15 durfte ich auf Mallorca Zeugin dieses beeindruckenden Naturschauspiels werden!
Abertausende Vögel verließen am Morgen ihre Schlafplätze in den Bäumen und flogen in unglaublichen Formationen über das Haus. Am Abend kamen sie in der Dämmerung wieder zusammen und führten am Himmel kunstvoll koordinierte Flugmanöver aus, die mich tief berührten!
Es gleicht einem Tanz, den sie vor der Himmelskulisse aufführen. Die Bewegungen gehen teils wie Wellen durch den Schwarm und manchmal wirkt der Schwarm wie ein eigener Organismus.
Wie schaffen sie es, nicht zusammenzustoßen? Bei der Recherche las ich, dass Stare Meister darin sind in dichten Schwärmen den nötigen Abstand zu halten. Sie halten ihre Koordinaten, indem ein Star nur sieben Schwarmvögel konstant im Auge behält und deren Bewegungen folgt, alles andere ist hohe Reaktionsgeschwindigkeit.
Die Entfernung dieser sieben Vögel zueinander ist nicht wichtig, allein die Zahl sieben ist das Entscheidende.
Forscher sprechen von „Schwarmintelligenz", der Klugheit des Kollektivs. Um das Funktionieren eines Schwarms zu garantieren, reichen drei Regeln:


- Bleib bei der Gruppe

- Vermeide Kollisionen

- Bewege dich in die gleiche Richtung, wie die Artgenossen in deiner Nähe.

So schaffen sie es in der Gemeinschaft sich vor Angriffen von Raubvögeln zu schützen, doch das kann nicht der alleinige Grund sein.
Es wird weiter geforscht. Aber... wollen wir denn wirklich alles erklären können?
Solche Naturwunder lassen uns innehalten, verursachen tiefe Rührung oder Gänsehaut und halten uns LEBENDIG!

 

 

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"MURMURATION"     Radierung

 

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 "MURMURATION"  Holzrelief

 

  

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 "MURMURATION"    Elbsandstein

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Thema der Aufbauklasse 2014

Zellfusionen und Zell-Choreografien

 

Das Thema für die Aufbauseminare in diesem Jahr entwickelte sich aus den Fragen:


- Wie findet die Kommunikation der Zellen statt?

- Wie stelle ich mir diesen Austausch der Informationen vor?

Dazu entstanden verschiedene Werkgruppen:

 

- Eine Gruppe von „Wandobjekten", die den Austausch der Informationen über Synapsen und das Verschmelzen von Zellen darstellen sollen

- „Dendriten", die Informationsleitungen der Nervenzellen

- „Choreographien" von Zellen, bei denen mir die Idee der Dynamik innerhalb der Zellen wichtig ist!

 

 

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    Wandobjekte                    "Zellfusion"                                                                                     "Zellkontakt"

 

 

 

 

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  "Dendriten" Pflaumenholz                                                            "Choreographie einer Zelle" schwarzer Serpentin                     

 

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Im Anschluss an mein dreijähriges Basisstudium absolvierte ich, von Oktober 2012 bis September 2013, die Aufbauklasse der BILDHAUERHALLE Bonn.
Während dieses Jahres wurde hauptsächlich selbständig an einem selbstgewählten Themenkomplex gearbeitet. Diese Arbeit wurde begleitet durch Werkbetrachtungen innerhalb der Klasse mit dem Seminarleiter.
Außerdem gab es Präsentationen und Diskussionen über zeitgenössische Künstler und die Bildhauerei.

Meine Jahresarbeit der Aufbauklasse entwickelte sich aus dem Thema des Basisstudiums. Von der einzelnen Zelle und ihrer komplexen Funktion ging es nun jedoch weiter zu deren Verbindungen und Informationsaustausch:

 

Kommunikation der Zellen   Zellverbände - Gewebe - Zellkommunikation


Um überhaupt einen Verband von Zellen, also Gewebe bilden zu können, müssen sich ähnliche Zellen zusammenfinden. Es muss eine Kommunikation stattfinden, um dann spezialisierte Funktionen übernehmen zu können.
Verschiedene Gewebe mit einer übergeordneten Funktion können dann ein Organ bilden. Die Zellen in einem Zellverband stehen untereinander in Kontakt. Gesteuert wird das Alles durch einen kleinen Anteil von Zellen, der sich nur damit befasst,
die Umgebung wahrzunehmen und darauf zu reagieren. Das ist das Nervensystem! Es koordiniert das Verhalten der anderen Zellen.
Bruce H. Lipton, ein Zellbiologe schreibt in seinem Buch "Intelligente Zellen" dazu: "Das Gehirn kontrolliert das Verhalten der Körperzellen. Dieser wichtige Punkt sollte berücksichtigt werden, wenn wir die Zellen unserer Organe
und Gewebe für unseren Gesundheitszustand verantwortlich machen."
Das Menschsein ist das Ergebnis hochkomplizierter Vorgänge und Gesetzmäßigkeiten.
Die Beschäftigung mit der Biologie der Zellen und das immer tiefere Eintauchen in dieses Gebiet brachten mich zu  Werken mit den entsprechenden Titeln:

 

 

"INTESTINAL"       Gips mit Armierung, montiert auf Holzplatte, Pigmente und Schellack

Zellverband

"ZELLVERBAND"    Mooreiche auf Skulpturenständer

Gewebe

"GEWEBE"            Kupferdraht gehäkelt

Duodenal

"DUODENAL"        Kirschholz

myofibrillen

"MYOFIBRILLEN"   Roter Sandstein

Kommunikation Vernetzung

"KOMMUNIKATION - VERNETZUNG" Radierungen von jeweils zwei Kupferplatten, Reservage und Aquatinta

 

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Von Oktober2009 bis September 2012 absolvierte ich ein privates Studium der Bildhauerei 

 
Die Inhalte der Ausbildung waren

- Steinbildhauerei
- Holzbildhauerei
- Porträtplastik
- Aktplastik
- Freie Plastik
- Gipsplastik
- Entwurfstechniken
- Abgusstechniken
- Bronzeguss ( Mit Hilfe der Bronzegiesserei Schweitzer in Köln)
- Thematische Arbeit
- Kunstgeschichte
- Akt- und Porträtzeichnen

„ALLES SEHEN; NICHTS BEGREIFEN“

                                                               Gerhard Richter

Nachfolgend meine Abschlussarbeit des dreijährigen Basisstudiums der Bildhauerei in der Bildhauerhalle Bonn.

 

Mein Blick durchs Mikroskop - ich sehe Das, was du nicht siehst

Das Grundthema ist bereits ein Altbekanntes, welches mich durch mein Leben begleitet hat.
Bereits als Kind begeisterte mich alles Kleine, war es kleines Spielzeug oder auch die Welt zwischen den Grashalmen, die durch die Lupe so schön betrachtet werden konnte. Mich faszinierten die teilweise leicht zu erkennenden Entsprechungen des Kleinen im Großen. Später dann, während meiner Ausbildung, war es das Mikroskopieren von Pflanzenpräparaten. Auch hierbei wurden mir beim Abzeichnen der Präparate die Ähnlichkeiten zwischen klein und groß bewusst: Dieser ganze Mikrokosmos, in dem von uns unbemerkt Dinge vor sich gehen, die gerade doch so wichtig für das gesamte Leben auf diesem Planeten sind! Die Schönheit, die sich im Kleinen zeigt, hat nicht nur Philosophen ins Grübeln gebracht, sondern auch viele Künstler inspiriert. Bei mir flossen diese Eindrücke bereits in meine abstrakte Malerei und meine Radierungen mit ein.
Bei den Vorarbeiten zu meinem Abschlussthema beginne ich noch zweidimensional: Die Erinnerung an die Pflanzenschnitte verarbeite ich in 9 Holzdruckstöcken. Dann wird es bildhauerisch und dreidimensional. Es entstehen zwei Arbeitsgruppen pflanzlicher Zellen in Gips. Der letzte Teil widmet sich den Zellen allgemein, sie werden sehr frei in Stein umgesetzt.
Der Blick auf die Welt hängt entscheidend davon ab, wie wir persönlich auf sie schauen. Da auch mein Blick individuell geprägt ist, wird man die Ergebnisse in keinem Biologiebuch finden!

Kunst kann das anschaulich machen, was wir in uns fühlen. Sie nimmt Bezug auf das Leben und zeigt andere Möglichkeiten, an das Leben heranzutreten.

Ich zeige eine persönliche Sichtweise auf die Welt. Was ist für mich von besonderer Wichtigkeit, was beschäftigt mich besonders?

Die Möglichkeiten eine Form zu sehen, sie für sich zu erkennen sind vielfältig. Denn auch wenn es diese Dinge so nicht gibt, ich sehe sie dann eben so

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Druckstöcke

aus Lindenholz, weiße Druckfarbe je 10 x 7 x1 7 cm

2011

 

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Handdrucke

schwarz auf Japanpapier gerahmt je 23 x 31 cm

2011

 
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Chloroplasten

3 Formen: Gips, Pigmente, Schellack 20-40 cm variabel

2011

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Chromoplasten

3 Formen: Gips, Pigmente, Schellack 25-60 cm variabel

2011

 

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Körperzellen

Tochterzelle I
Serpentin Silverstone
16 x 10 x 15 cm

Mutterzelle
Serpentin Silverstone
15 x 13 x 30 cm
Tochterzelle II
Serpentin Silverstone
13 x 9 x 15 cm

2012

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Neuronale

Irischer Limestome
  19 x 15 x 31 cm

2012

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Pulmonale

Noir de mazi
25 x 10 x 20 cm

2012

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Zerebrale

Serpentin opal
23 x 22 x 16 cm

2012

 
 
 
 

Pflanzenschnitte

Erinnerungen brachten mich auf die Idee, zuerst einmal eigene Pflanzenschnitte zu erarbeiten, die noch mit dem Blick durch das Mikroskop, wie ich ihn erlebte, zu tun hatte.
Meine erste Arbeit besteht aus 9 Lindenholzstücken, die ich als Reliefschnitte bearbeitete. Ich schnitt von mir frei umgesetzte, mikroskopische Pflanzenschnitte. Diese wurden, wie bei einem normalen Holzschnitt, mit schwarzer Farbe auf weißes Chinapapier gedruckt. Die Druckstöcke wurden abgewaschen und nochmals in weiß auf schwarz gedruckt. Die weiße Farbe wurde auf dem Druckstock belassen, damit die Formen noch stärker hervortreten. Ich stelle die Holzschnitte den Drucken gegenüber, Positiv gegen Negativ, doch was ist hier positiv und was negativ?
Das war das vorsichtige Herantasten an die Umsetzung vom bekannten zweidimensionalen Sehen (Mikroskop, Fotos…) an die Dreidimensionalität.
Die Titel sind nach Pflanzenschnitten gewählt, aber nicht naturgetreu umgesetzt, sondern künstlerisch nach meinen Vorstellungen. Zur Erläuterung der Schnitte und ihrer Funktion:

Papillen = kegelförmige Spitzen der Blattaußenhaut

Tracheen = wasserleitende Röhren

Trichome = Pflanzenhaare

Raphiden = nadelförmige Kristalle, meist in Bündeln in die Zelle eingelagert

Stomata = Spaltöffnungen, wichtig bei der Photosynthese

Faszikel = Leitbündel für den Transport gelöster Stoffe im Spross

Schwammparenchym = unregelmäßig geformte Zellen, bilden Räume zur Durchlüftung

Stoma = Pore in der Epidermis, öffnet und schließt sich je nach Lichteinstrahlung

Eckenkollenchym = Festigungsgewebe der Pflanze, wachstums- und dehnungsfähig

Chloro- und Chromoplasten

Als nächstes sollte es dann richtig dreidimensional werden. Ich wollte wichtige Pflanzenzellen als Skulpturen umsetzten. Zu diesem Zweck fertigte ich einige Skizzen, so wie „meine“ Chloro- und Chromoplasten aussehen könnten.

Chloroplasten (chloros=grün, plastos=geformt) enthalten in ihren Zellmembranen vor allem den grünen Farbstoff Chlorophyll, auch als Blattgrün bezeichnet, der durch Lichtabsorption die Photosynthese in Gang setzt. Bei dieser wird aus Kohlendioxid und Wasser, unter Einfluss von Sonnenlicht und Chlorophyll, Traubenzucker ( benötigt die Pflanze zum Wachsen ) und Sauerstoff (brauchen wir zum Leben).

Chromoplasten (chroma=Farbe, plastos=geformt) enthalten Carotinoide (Gelb-Rotfärbung) und Xanthophylle(Gelbfärbung). Sie färben die Pflanzenteile, in denen sie vorkommen z.B. Möhren, Paprika und Tomaten. Auch Blütenblätter werden durch sie gefärbt und locken so Tiere an, die den Pollen oder Samen verteilen.

Zuerst drei „Chloroplasten“. Aus Draht und Luftpolsterfolie stellte ich je ein Grundgerüst her, das ich dann mit in Gips getränkten Baumwollstreifen umwickelte. Anschließend formte ich sie weiter mit Gips zu rundlichen Plasten, beinahe eigenständige Wesen. Als Oberfläche wählte ich eine Struktur, die die Arbeit = Bewegung bei der Photosynthese darstellen soll und die Farbe Grün war ja klar!

Als nächstes arbeitete ich die „Chromoplasten“. Der Aufbau ist ähnlich dem der „Chloroplasten“, doch da ihre Aufgabe eine andere ist, wurden sie formal und oberflächentechnisch anders gestaltet. Bei der Oberfläche musste ich lange experimentieren, bis ich „die“ Oberfläche hatte, die meine Formen brauchten.

Bei der Auseinandersetzung mit dem Pflanzenthema war mir wieder ganz bewusst geworden, dass die Zelle der Ursprung allen Lebens ist. Ich kam so von der Pflanzenzelle ganz logisch zur menschlichen Zelle. Ich entdeckte das Buch „Intelligente Zellen – wie Erfahrungen unsere Gene steuern“ von Bruce H. Lipton, einem Zellbiologen. Er beschreibt darin erstaunliche wissenschaftliche Erkenntnisse über biochemische Funktionen in den Zellen unseres Körpers. Unser Denken und Fühlen wirkt bis auf die molekulare Ebene hinein und hat sogar Einfluss auf die Gene. Der Mensch ist also mehr als die Summe seiner Gene. Lipton erkannte bei seiner Arbeit, dass das Leben einer Zelle durch ihre physische und energetische Umgebung bestimmt wird, und nicht durch ihre Gene. Wenn das aber schon bei einer einzelnen Zelle so ist, wie ist das dann erst bei einem Menschen als Hundert-Billionen- Zellen-Wesen! Die Epigenetik forscht auf diesem Gebiet. Zellen kommunizieren untereinander und sorgen somit dafür dass meist alles reibungslos abläuft und wir leben, was doch wirklich ein Wunder ist! Und wir bekommen eigentlich gar nichts davon mit. So kommt man dann mal wieder auf so manchen philosophischen Gedanken und es gibt weiterhin so viele Rätsel.

 

Körperzellen

Für die nächsten Arbeiten, die ich als „Körper-Zellen“ bezeichne, wählte ich den Werkstoff Stein, als ersten einen Serpentin Springstone.
Er wurde ohne Modell oder Vorzeichnung ganz frei gearbeitet. An einigen Stellen war er sehr brüchig. Die Idee war es, eine Zelle mit ihren Eigenschaften wie beweglich, im stetigen Wandel und zur Teilung bereit darzustellen. Sie durfte ruhig amöbenhaft anmuten. Bei der Bearbeitung „trennte“ sich ein Teil vom Großen, so sollte es wohl sein, auch so „passiert“ Kunst, und ich nahm die Idee auf. Jetzt entstanden eine „Mutter –Zelle“ und zwei „Tochter –Zellen“. Durch die Einschlüsse im Stein, die das Arbeiten erschwert hatten, wurde beim teilweisen Polieren eine lebendige Oberfläche, die sehr gut zur Aussage passt!

Die zweite Zelle wurde eine „Neuronale“, also eine Nervenzelle. Das Material, ein irischer Limestone, erwies sich als hart, schichtig und schwer bearbeitbar. Ich nutzte anfangs nur das Zahneisen, damit nicht zu viel wegsplitterte. Neuronal war wirklich eine gute Bezeichnung, so widerspenstig! Fast vollendet, bricht ein Teil ab – umdenken, nicht ärgern, Nerven behalten und weitermachen. Um den fertigen Stein auf einem Stativ befestigen zu können, sollte mir ein Steinmetz ein Loch für die Stange bohren. Auch ihm brach dabei ein Stück ab und er war genervt, doch endlich konnte ich sie fertig stellen und die „Neuronale“ stand.

Der nächste Stein war ein Noir de Mazi, ein blauer, belgischer Marmor. Er hatte viele Lager und Einschlüsse, die die Arbeit an ihm erschwerten. Der Geruch beim Behauen mancher Stellen des Steins erinnerte mich an meine Kindheit. Ein Onkel von mir hatte in seinem „Studierzimmer“ auf dem Schreibtisch Feuersteine liegen, die genauso rochen, wenn man sie aneinanderschlug, prompt waren die Besuche bei ihm wieder mit Allem präsent…Herrlich.
Die Formen gestalteten sich nach und nach rundlicher und ich beschloss, es wird eine „Pulmonale“ Zelle. Nach dem Schleifen, Abwaschen und Polieren traten die Einschlüsse besonders hervor.

Der letzte Nervenstein sollte eine „Zerebrale „werden, der Stein war ein Serpentin Opal.
Durch eine Erkrankung, die mich doch sehr geschwächt hatte, war ich unsicher und gespannt, wie sich dieser Stein bearbeiten lassen würde. Er erwies sich dann als sehr gnädig, nicht hart und schön gleichmäßig! So konnte ich eine Hirnzelle als Skulptur mit Verwirbelungen und den Spuren des Zahneisens arbeiten. Ich konnte mir dabei fast die Aktivität in der Zelle plastisch vorstellen. Nur einige Stellen, die ich als sich herausbildende Verlängerungen, also den sich bildenden Synapsen darstellen wollte, wurden geraspelt, geschliffen und poliert. Damit sollte mein Abschlussthema auch abgeschlossen sein, doch ich stelle fest, dass es mich nicht mehr loslässt. Wieso auch, wo es mich schon so lange beschäftigt hat und ich viele weitere Erkenntnisse bei dieser Arbeit gewonnen habe.

                    

 

Vom Biomorphen zur Zelle

Die Entwicklung hin zum Abschlussthema

Die Eingrenzung des Themas gestaltete sich als gar nicht so einfach!
Meine ersten Oberbegriffe waren: BIOMORPH – ARCHETYPUS –MAKRO- UND MIKROKOSMOS.
Gerade das Biomorphe fiel mir nun überall auf! Ich hatte mich mit Künstlern befasst, deren Werke mich ansprachen und die ein Wiedererkennen in mir auslösten, aber es sind da oft die Formen der Natur! Ich nahm mir jeweils einen der ausgewählten Begriffe vor und notierte, was mir dabei wichtig erschien und wollte mich dann für ein Thema entscheiden.

Biomorph

-bedeutet, von den Kräften des natürlichen Lebens geformt, geprägt

-bezeichnet Abläufe, Veränderungen, die von biologischen Vorgängen gesteuert werden

-organisch, pflanzlich

-eine Formensprache, die es ermöglicht, natürliche Prozesse alles Lebendigen erfahrbar zu machen

In der Kunst meint „biomorphe Abstraktion“ die künstlerischen Formfindungen, die, vom Gegenständlichen abstrahiert, organisch und damit oftmals wie „mikroskopisch“ bestaunte Amöben wirken.
Alfred H. Barr jr.( 1907-1981 )machte den Begriff biomorph nutzbar für die Kunst. Er war Gründungsdirektor des MoMA und sträubte sich gegen den Begriff „ Biomorphismus „ er bevorzugte stattdessen „non-geometrical Art“.
Einige Künstler des Biomorphen und ihre Arbeit:

Barbara Hepworth – ihre Werke erinnern an weibliche Formen. 1931 benutzte sie als erste das „Loch“ in der Skulptur und entwickelte dieses Stilelement im Laufe der Jahre weiter und machte es zum typischen Markenzeichen ihrer Arbeiten. „ Es gibt Formen, die seit meiner Kindheit für mich eine besondere Bedeutung haben. Die Ausdrucksmittel, die ein Bildhauer benutzen muss, um in all diesen Formen das zu übertragen, was man dem Menschen und der Natur gegenüber empfindet, sind: Masse, innere Spannung und Rhythmus, Maßstab in Beziehung zur menschlichen Gestalt und die Beschaffenheit der Oberfläche, die sowohl durch unsere Hände wie durch unsere Augen zu uns spricht.“

Jean Arp –Protagonist einer organischen Formensprache, die sich an der Metamorphose, an den Entstehungs- und Wandlungsprozessen der Natur orientiert.
- Formen menschlichen, pflanzlichen oder tierischen Ursprungs werden abstrahiert und miteinander zu symbolhaften Zwitterwesen gepaart.

Tony Cragg –bei „Erkundungsreisen“ durch die freie Natur und Deponien sammelte er Gegenstände, die ihm Anregungen gaben. “Ich kann Form und Inhalt nicht trennen. Eine kleine Änderung der Form bewirkt schon gleich einen neuen Gedanken, eine neue emotionale Reaktion.“   Seine Skulpturen ahmen keine Dinge nach, sondern sind eigenständige Energien, denen der Betrachter mit seinen eigenen Vorstellungen begegnet.  

Wassily Kandinsky – schwebende, biomorphe Formen sind für ihn Träger innerer Empfindungen im Gegensatz zu seinen geometrisch komponierten Bildern.

Naum Gabo –„Bis jetzt haben die Bildhauer der Masse den Vorzug gegeben und einer so wichtigen Komponente von Masse wie dem Raum wenig, oder gar keine Aufmerksamkeit geschenkt…wir betrachten ihn als absolutes, skulpturales Element.“  

Es gibt aber sehr viel mehr Künstler, die diese Richtung einschlugen z.B. Henry Moore, , Louise Bourgeois, Bodo Korsig, Richard Deacon, Joan Miro, Max Ernst, Max Bill, Alexander Calder, Constantin Brancusi…  

Viele Künstler wählten eine individuelle, organische Formensprache   und integrierten biologische Formen in ihre Arbeiten. Formen der Natur werden vereinfacht.
Die plötzliche Faszination für organische Formen war auch eine Reaktion auf die Technikeuphorie der Jahrhundertwende. Mikroskope und neue Objektive schafften einen neuen Blick auf die Natur. Darwin, Haeckel und die Schöpfer der ersten großen Aquarien in London und Paris offenbarten auch völlig neue Ansichten. Auch Fotografen entdeckten botanische Motive für sich und setzten sie in Bezug zur bildenden Kunst.
Symbolismus, Jugendstil und Surrealismus wurden zum Motor für den modernen Blick auf die Natur. Die Skulptur ging von der klassischen Form jetzt auch hin zu vegetativen und organischen Formen.   In diesen Formen sollten vitale Kräfte sichtbar gemacht werden.  

Zu diesem Thema fertigte ich zunächst einige Tonmodelle, die ich dann teilweise einfärbte.

Archetypus

-Urbild , Urform
es handelt sich um die Welt der Urbilder, die Muster der Dinge, der Ideen
-kollektives Unterbewusstsein
vieles beruht auf Ur-Erfahrungen der Menschheit wie Geburt, Kindheit, Pubertät, Kind bekommen, Elternschaft, Altwerden, Tod
arttypische, unbewusste Strukturen prägen den Menschen

Carl Gustav Jung:  ..das kollektive Unbewusste sei nicht individueller, sondern allgemeiner Natur. Im Gegensatz zur persönlichen Psyche enthalte es Inhalte und Verhaltensweisen, die überall und in allen Individuen die gleichen seien. Sie, die Archetypen, bezeichneten jene psychischen Inhalte, die noch keiner bewussten Bearbeitung unterworfen waren. Sie stellten eine unmittelbare seelische Gegebenheit dar. Die unvermittelte Erscheinung trete in Träumen und Visionen auf. Alle Geheimlehren suchten das unsichtbare Geschehen der Seele zu erfassen.                                             

Bei den Archetypen handelt es sich um Urfiguren des Unbewussten. Jung gelangte zu der Entdeckung der Archetypen durch die Ähnlichkeit vieler Bildmotive in Mythen, Märchen, Träumen und Phantasien Geisteskranker, Träumen von Kindern und kulturhistorisch nicht gebildeten Menschen. Die Mythologie unterschiedlicher Kulturkreise weist ähnliche oder gleiche Muster auf. Wie gelangen sie in die Seele des Menschen? Sie sind nicht biologisch vererbt, wie etwa der Nestbauinstinkt bei den Vögeln. Erfahrungen und Emotionen sind ebenso wichtig wie die Gene selbst.
Archetypen sind Emergenzphänomene (Herausbildung neuer Eigenschaften und Strukturen), die im Zusammenspiel von Gehirn und Umwelt entstehen.

Immanuel Kant: natura archetypa = urbildliche Natur, die der Mensch bloß in der Vernunft erkennt und deren Gegenbild in der Sinnenwelt die nachgebildete (natura ectypa) darstelle.

Der Begriff Metaphysik, die Grunddisziplin der Philosophie, stammt wahrscheinlich aus einem Werk des Aristoteles. Es bedeutet: das, was hinter der Physik steht; das, was nach der Physik kommt; das, was den Ausführungen über die Natur folgt.
Sie ist der Versuch, Erkenntnisse außerhalb der Grenzen sinnlicher Erfahrung zu formulieren.
Dazu gibt es Fragen, die die ganze Menschheit beschäftigt haben:

Gibt es einen Sinn, warum die Welt überhaupt existiert und wie sie gerade so eingerichtet ist?

Was macht das Wesen des Menschen aus?

Besitzt der Mensch eine unsterbliche Seele?

Verfügt er über einen freien Willen?

Gibt es Gott/Götter?

Gibt es Geistiges (Unterschied zwischen Geist/Materie)?

Verändert sich alles oder gibt es Dinge oder Zusammenhänge, die immer gleich bleiben?

Platon: „Wiedererinnerung (anamnesis) DER UNSTERBLICHEN Seele an die vorgeburtlich geschauten Ideen. Die Ideen sind das Urbild (para deigma) aller Dinge.“

Vor der Renaissance gab es keine vollständige Trennung zwischen Metaphysik und den Naturwissenschaften.

Schon für die Gelehrten der Antike war es nur konsequent sich sowohl mit den erfahrbaren Dingen zu beschäftigen, als auch Fragen nach dem letzten, bzw. ersten Grund für diese Dinge zu stellen. Aus der Beschäftigung mit den konkreten Erscheinungen entstanden die Naturwissenschaften, die sich mit den Verhältnissen der Dinge (des Seienden) befassten und deren Zustände und Wechselwirkungen innerhalb der von Menschen erkennbaren Natur beschreiben.

Das Archetypus – Thema war schon ein sehr spezielles!
Sehr schön, um sich damit einmal intensiv auseinanderzusetzen. Ich konnte aber für mich persönlich darin keinen direkten, künstlerisch umsetzbaren Ansatz entdecken, so ließ ich es außen vor.


Makro- und Mikrokosmos

Makrokosmos beschreibt all das Große, Kosmische, welches der Mensch nicht mehr ohne Hilfsmittel (technische, gedankliche oder mathematische) wahrnehmen kann, da auf Grund der Dimensionen diese die Erfahrungen der menschlichen Sinne überfordern. So beginnt strenggenommen der Makrokosmos schon am Horizont, wo der Mensch die Krümmung der Erdoberfläche in der Regel nicht mehr wahrnehmen kann.
Dem Menschen blieben die Einblicke in das Winzigkleine und das Riesengroße solange verborgen, bis durch die Erfindung und Entwicklung von Geräten wie Mikroskop, Laser, Teleskop, Raumsonden u.ä. ein Einblick in die schwer zu fassende Wirklichkeit der Welt ermöglicht wurde. Mit Hilfe von Modellen versucht man, uns Menschen so einiges begreiflich zu machen, doch wie sieht denn die wahre Wirklichkeit aus?!?

Mikrokosmos (Mikros für „klein“ und kosmos für „(Welt-)Ordnung“) ist die Welt des Winzigkleinen. Der Mikrokosmos war bis zur Verwendung der ersten Mikroskope ein Bereich reiner Spekulation. Die frühen Naturphilosophen konnten ihre Vermutungen zwar logisch vertreten, sie waren aber nicht nachweisbar. Erkenntnisse über den Mikrokosmos sind aber von Bedeutung, um viele Phänomene der Natur zu verstehen.
Erst mit Hilfe der modernen Wissenschaft wurde klar, dass die Gesetze, die im Bereich menschlicher Dimensionen gelten, nicht ohne weiteres so auf den Mikrokosmos übertragbar sind. In der Biologie wurden beispielsweise Erkenntnisse über Einzeller, Bakterien, Proteine, Viren und der DNA gewonnen. Auch der Aufbau von Lebewesen aus Zellen und die darin stattfindenden biochemischen Prozesse beginnen immer klarer zu werden. Innerhalb der Physik tat sich ein neues Forschungsfeld auf: die Quantenmechanik. Auch hier werden zwar viele Zusammenhänge geklärt, doch es werden auch immer mehr neue Fragen aufgeworfen!

Bereits die Stoiker befassten sich philosophisch mit dem Zusammenhang von Mikro- und Makrokosmos und sahen den Menschen als die Konzentration des Wesentlichen des Alls.

Novalis: „ Das Größte spiegelt sich im Kleinsten, das Kleinste im Größten, Mikrokosmos und Makrokosmos bedingen einander.“

Diese Vorstellung tauchte in den Lehren der Weisen auf. Man sah einen unsichtbaren Zusammenhang zwischen den im Umkreis und den in den kleinsten irdischen Verhältnissen wirkenden Kräften.“ Das höchste Geistige, das im Kosmos Wirkende, findet seine Wiederspiegelung im Irdischsten, in der Materie, in Stoff und Substanz, in Stein und Metall.“ Der Mensch kann zunächst das geistige Wirken nicht erfahren. Die Wirksamkeiten, die sich auf Stoffebene abspielen, erfährt er über seine Sinne. Vermittler zwischen dem unsichtbaren Geistigen und unverständlich Irdischen ist das Seelische. Jeder Mensch hat ein eigenes seelisches Empfindungsleben und –erleben.

Schopenhauer: „ In jedem Mikrokosmos liegt der ganze Makrokosmos, und dieser enthält nichts mehr als jener.“

Rudolf Steiner: „ Die Kräfte des Kosmos beeinflussen die Kräfte im Menschen. Bestimmte Stoffe (Materialien) beeinflussen die körperliche Aktivität im Menschen.“
Er hielt 1920 16 Vorträge unter dem Titel: Entsprechungen zwischen Mikrokosmos und Makrokosmos – Der Mensch – eine Hieroglyphe des Weltenalls.“ Das Verhältnis des Menschen zum Kosmos ist ein existentielles, genetisches Verhältnis.“

Emerson: „Der Mensch ist der Spiegel des Universums. Ein jegliches Ding in der Natur enthält alle Kräfte der Natur.“

Bei der Recherche stieß ich auf den Ausstellungskatalog „Mikrofotografie – Schönheit jenseits des Sichtbaren“ des Museums für Fotografie aus Berlin. Er beinhaltet Fotos, die zwischen 1840 und 2010 entstanden sind. Wie kunstvoll doch diese „Kleine Welt“ ist!

Bei der Beschäftigung mit all diesen Themen, speziell auch der philosophischen Seite daran, wurde mir sehr schnell klar, dass es doch mein altes Thema sein musste. Es floss bereits schon länger in meine abstrakten Arbeiten mit ein, die Welt der kleinen Dinge! Meine Erinnerung und die inneren Bilder der Pflanzenschnitte, die ich während meiner Ausbildung abzeichnete, kamen mir wieder in den Sinn und mein Thema wurde zu:

Mein Blick durchs Mikroskop – Ich sehe Das, was du nicht siehst

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Mein Stand mit meinen Abschlussarbeiten  bei der Ausstellung in der Bildhauerhalle Bonn 2012